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Drucken 05-05-2022 | Verschiedenes

Die Politik spielt schon wieder mit dem Feuer

Hände weg von einem Öl-Boykott!

Es gibt zahlreiche ernst zu nehmende Warnungen aus Wirtschaft und Wissenschaft zu einem von der EU beabsichtigten Boykott des Ölbezugs aus Russland.

1. Weder Deutschland noch die EU verfügen über Erkenntnisse oder halbwegs sichere Daten zu den Konsequenzen eines Öl-Boykotts

2. Relativ sicher dagegen ist, dass es nicht ausreicht die Auswirkungen direkter Art auf die Ölindustrie, die Öl verarbeitende Industrie und die mit der Beschaffung, Lagerung und Umschlag von Öl beteiligten Unternehmen und Branchen zu betrachten.
Aus Rohöl, auch noch differenziert nach seinen unterschiedlichen Eigenschaften, entstehen entlang der Verarbeitungsprozesskette in den vielen Branchen unzählige Produkte des täglichen Bedarfs, der Medizin-Branche, der Chemie-Branche, Kosmetik-Branche und und und.
Einschränkungen in der Lieferung und Bevorratung von Rohöl wirken sich demnach in kürzester Zeit auf die gesamte Wirtschaft aus. Dies kann zu verheerenden Leistungsverlusten in der Breite der gesamten Wirtschaft führen.

3. Wie aktuell in einem kurzen Statement von Bundeswirtschaftsminister Habeck zu erfahren war, werden erst noch Daten aus den Branchen gesammelt und ausgewertet. Aus den Pandemie-Erfahrungen wissen wir, dass das sehr lange dauern kann, weil diese Daten nicht digitalisiert und über alle Bundesländer hinweg bereits vorliegen. Hier werden also gravierende Entscheidungen in Unkenntnis von Fakten und nur getrieben von politisch motivierten Emotionen, gefällt. Das ist grob fahrlässig und kann Deutschland leicht in den Ruin treiben.

Das ist aber noch nicht Alles:

4. In unserer Branche weiß man, dass man die Rechnung nie ohne den Wirt machen sollte. Das will sagen, dass Entscheidungen mit dem Ziel, einen Anderen zu benachteiligen ihr Ziel auch erreichen können müssen. Dazu ist es unumgänglich die Fragen nach den Handlungsmöglichkeiten und Reaktionen desjenigen ins Kalkül zu nehmen, den solche Boykottentscheidungen benachteiligen sollen.

a) Am meisten in diesen Tagen von unseren Volksvertretern gehört: "wir wollen Putin seinen Krieg nicht noch finanzieren" 
Emotional verständlich, solche Emotionen haben aber in einer verantwortungsorientierten Politik nichts zu suchen.
Dass wir dies mit einem Boykott erreichen, ist nahezu ausgeschlossen. Russland als wichtigstes Mitglied in der OPEC, hat viele direkte und indirekte Möglichkeiten auf die Rohöl-Geschäfte weltweit Einfluss zu nehmen und wird schneller als wir erwarten, sein Öl an andere Abnehmer - direkt oder indirekt liefern. 

b) Haben wir alle möglichen Reaktionen Putin's ins Kalkül genommen?
Nein haben wir auch nicht. Genauso wie wir bei unseren Lieferzusagen für Panzerhaubitzen an die Ukraine nicht bedacht haben, dass die russische Armee die Lieferwege für dieses Großgerät zerstören kann.

Auf das Öl-Boykott könnte Putin Europa den Gashahn zudrehen. Die Probleme für unsere Wirtschaft und die Bevölkerung würden sich schlagartig potenzieren. 
Ein großer Teil der EU-Länder würde sofort aus der  "gemeinsamen Boykott-Entscheidung" ausscheren, was sicher nicht geeignet ist, die EU als wichtigen politischen Faktor in der sich neu ordnenden Welt ernst zu nehmen.

Ich persönlich halte den von der EU - Kommission beabsichtigten Öl-Boykott als krasse Fehlentscheidung und als  weiteren Beleg für die Unfähigkeit, politische Entscheidungen unter Berücksichtigung systemdifferenzierter und vernetzter Abhängigkeitsstrukturen zu erarbeiten. Wer nur nach Bauch und Medien entscheidet, gehört m.E. nicht in diese Verantwortung.
Warum läßt die Politik nicht erst einmal die beschlossenen und in die Wege geleiteten Maßnahmen in der russischen Wirtschaft und Gesellschaft ihre ganze Wirkung entfalten. Die deutsche und die internationale Wirtschaft hat sich wie selten, einmütig hinter die Embargomaßnahmen der EU zusammengefunden. Das entfaltet erst langsam seine volle Wirkung auf die russische Gesellschaft und wirkt auf Putin viel stärker, als die Lieferung unserer Haubitzen, die voraussichtlich nicht einen Schuss werden abgeben können.

Also bei aller Panik: einfach mal die Füße stillhalten.

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Hier aktuelle Beispiele von Boykott-Auswirkungen aus Sicht einiger betroffener Branchen:

- Chemie-Industrie

- IWH-Berechnung zu den Auswirkungen eines Gaslieferstopps

(Dipl.-Betriebswirt Rainer Willing)