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Drucken 22-08-2021 | Fakten, Fakes und Meinungen

Die Lehren aus Afghanistan

"Welche Lehren ziehen wir aus dem kläglichen Scheitern in Afghanistan?" - Natürlich kann und darf es bei einem so knappen Statement von letzter Woche als unmittelbare Reaktion auf den Einmarsch der Taliban in Kabul nicht bleiben. Frustriert sehnt sich das ganze Land nach neuen politischen Perspektiven. Zumal bei der anstehenden Bundestagswahl keine Hoffnung auf Besserung in Sicht ist. 

Selbst wenn ich wollte, könnte ich keine Wahlempfehlung auszusprechen. Es gibt schlicht nichts zu empfehlen. Und bevor man sich mit der Zukunft befasst, muss man die Vergangenheit aufarbeiten. Schonungslos objektiv, keine Schönfärberei, keine Rücksichtnahme auf Parteien oder Personen. 

Unser gemeinsames Ziel ist es, unseren Wohlstand und die geschaffenen Werte zu erhalten, wenn möglich auszubauen und noch mehr Menschen in unserem Land eine gute Zukunft zu ermöglichen. Das ist auf Dauer nur dann möglich, wenn wir Werte und Produkte schaffen, die wir in andere Länder verkaufen können. Dabei muss der Wert aller exportierten Leistungen und Werte höher sein als wir für Rohstoffe, Vorprodukte und ausländische Dienstleistungen zahlen müssen. Das ist uns bisher gut gelungen. Deutschland erzielt traditionell Handelsbilanzüberschüsse. Wir laufen aber Gefahr, dass wir unsere Position im globalen Wettbewerb mit den Volkswirtschaften in Süd-Ost-Asien verlieren.

Da wir über keine Rohstoffe verfügen, die wir verkaufen könnten, sind wir also existenziell auf den Export der von uns geschaffenen Produkte angewiesen. Das ist eigentlich jedem halbwegs gebildeten Politiker bekannt. Warum ich es dennoch anspreche liegt darin begründet, das sich zu viele Politiker oberlehrerhaft mit erhobenen Zeigefinger hinstellen und glauben Mißstände in anderen Ländern anprangern zu müssen. Das ist als außenpolitisches Statement, gleich ob von Regierung oder Opposition deshalb nicht zielführend und völlig gegen unsere eigenen Interessen gerichtet, weil wir dadurch den Entscheidern unsere Produkte zu kaufen, es nicht gerade leichter machen, sich für uns zu entscheiden. Und dass wir nur im Rahmen freundlich-kooperativer Beziehungen Einfluss darauf nehmen können, beispielsweise die Lebenssituation unterdrückter Minderheiten zu verbessern oder anderen Problemen, die uns nicht gefallen zu einer besseren Entwicklung zu befördern, sollte auch einleuchten. 

Und außerdem: ich mag mir garnicht vorstellen zu welchem Chaos deutsche Politiker fähig wären, sollten Sie ein Riesenreich wie China mit 1,5 Mrd Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen Herkünften regieren müssen. Also vorsicht kann ich nur sagen. Kritik zu üben ist immer einfach, wenn man nicht in der Verantwortung des Kritisierten ist. Im übrigen haben wir genug damit zu tun, unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten aufzuarbeiten.

Damit wäre ich wieder beim Thema: in Afghanistan haben wir grundsätzliche Fehler gemacht, indem 20 Jahre ungenutzt verstreichen konnten, ohne das Land fit für die Demokratie zu machen. Welche Fehler dabei gemacht wurden ist Gegenstand meiner Überlegungen in einer Woche. Für heute wollen wir festhalten, dass die Beziehungen Deutschlands in der Welt für uns selbst existenziell wichtig sind. Der Qualität unserer Aussen- und Sicherheitspolitik kommt deshalb besondere Bedeutung zu. 

(Rainer Willing)